zurück

TAGES ANZEIGER

Totenbeinli knabbern bei Looslis

Im "Café Krematorium" wird das Leben und Sterben im zürcherischen Stadtkreis 5 liebevoll unter die Lupe genommen.

Von Charlotte Staehelin

Keine teuren hellen Lofts, kein Falaffelstand, keine Szenebar und auch kein einziger Musikclub finden an diesem Abend Platz auf der Bühne. An Stelle von Techno erklingen Schlager und Kinderlieder, junge Designermode wird von gestrickten Westen und geflochtenen Hüten verdrängt, und doch wurzelt das gespielte Geschehen tief im Kreis 5, dem ehemaligen Industriequartier von Zürich. Unter der Leitung des Berliner Regisseurs Boris Pfeiffer schaut der Schweizer Schauspieler und Musiker Andreas Krämer in "Café Krematorium", einer Koproduktion des Schauspielhauses mit dem sogar theater, eine paar Jahrzehnte zurück, erzählt erlebte Geschichten aus dem Kreis 5.

Es sind alle so nett

Der Angelpunkt des Geschehens ist Lilian Loosli, die auf einem Gemeindeausflug unerwartet verstorben ist und deren Beerdigung für einige Trauergäste Anlass ist, ihre eigenen Leben zu überdenken. Das Porträt von Lilian Loosli, einer streng blickenden Dame mit hochgeschlossenem Kleid und Fönfrisur, thront in der Mitte des Raumes auf einem Holztisch; in wechselnden Rollen versammelt Andreas Krämer daneben ihr Umfeld zum letzten Abschied.

Die Figuren sind alle wohlmeinend, nett und liebenswürdig, es geht ihnen gut, sie sind froh und dankbar, wollen aus allem das Beste machen, nehmen die Dinge, wie sie kommen, aber man glaubt ihnen kein Wort. Krämers Blick entlarvt alles Glück- und Zufriedenheitsgerede. Dieser suchende Blick, der verloren durch den Raum irrt, plötzlich stechend scharf ein Ziel fokussiert, dann wieder in eine dumpfe Leere absinkt, begleitet alle Figuren. Ob nun der ehemalige Ehemann pedantisch mit einem Zahnstocher die Löcher in den Salz- und Pfefferstreuern entstopft, ob die Tochter Claudia mit ihrer bunten Glasperlenkette das Bild der Mutter umarmt, oder ob Frau Moser, die Lilian Looslis Schrebergarten übernommen hat, ihre gelbe Plastiktulpe giesst, immer flackert ein Quäntchen Irrsinn in ihren Blicken auf und verzerrt die Geschichten.
Unter der biederen Fassade von Rechtschaffenheit und Fleiss stecken Ängste und Verunsicherungen, die das Duo Pfeiffer und Krämer präzis diagnostiziert und treffend umsetzt. Neben den Augen verraten fein gesetzte, aber klare Bewegungen, etwa ein nervöses Trommeln mit den Fingern oder ein verlegenes Fusswippen, die inneren Spannungen und Krämpfe der Figuren. Der moderne Kreis 5 lässt grüssen, auch ohne Bar und Klub.

zurück