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Ein erfundener Tag in Robert Walsers Leben.

NZZ (28.12.2005 Seite 44; Nummer 303)

Erne R.


HerisauFrüh schon dem Theater zugeneigt und mit szenischen Dichtungen hervorgetreten, ist Robert Walser gleichwohl kein eigentlicher Bühnenautor geworden. Längst aber wurde sein Werk auch für die Bühne entdeckt. Für die vom Zürcher Sogar-Theater koproduzierte und uraufgeführte Walser-Collage «Für die Katz» (2003) hat sich der Berliner Autor und Regisseur Boris Pfeiffer an Textfragmente gehalten, die insbesondere der musikalischen Struktur von Walsers Rollenprosa Nachdruck verschaffen soll(t)en. In dieser Absicht gebündelte Ausschnitte aus den Mikrogrammen («Aus dem Bleistiftgebiet») der Berner Jahre, den Romanen «Geschwister Tanner» und «Jakob von Gunten» aus der Berliner Zeit sowie diversen Betrachtungen, Briefen und Feuilletons wusste Pfeiffer in Zusammenarbeit mit dem auch für Musik und Klang zuständigen Schauspieler Andreas Krämer zu einem nun auch hörspieltauglichen Monolog zu verdichten, dessen Programm der sinnige Untertitel verheisst: «Ein erfundener Tag im Leben des Schriftstellers Robert Walser».

Der Titel der inzwischen weitherum gezeigten Tour - wie der jüngsten DRS-2-Produktion - folgt einer Erkenntnis Walsers im entsprechenden Prosastück: «Ich schreibe in stiller Mitternacht, und ich schreibe für die Katz, will sagen, für den Tagesgebrauch. Die Katz ist eine Art Fabrik oder Industrieetablissement, für das die Schriftsteller täglich, ja vielleicht sogar stündlich treulich und emsig arbeiten oder abliefern.» Darüber hinaus steht besagte «Katz» bei Walser für die Mitwelt, den «Betrieb selber» und die «Zeit selbst». Die bohrende, aber kaum verhärmte Selbstbefragung auch im Bewusstsein lebensverlängernder Unsinnigkeiten führt vom Alleine-Tafeln im Speisesaal des Lebens über das «reine Sein» als Schlüssel zum Glück bis zu der «Einsamkeit und Planeten-Verlorenheit» ausdrückenden Farbe Grün.

An anderer Stelle beharrt Walser auf «nicht anzufechtender Sprachfreiheit» und bekennt: «Ich selbst laufe mit der Vorstellung herum, man lauere mir auf.» Ebenso wenig lassen sich das Bedürfnis nach zärtlicher Behandlung, «Hunderte von sonderbaren Trieben» und die Befreiung «von Andrängungen» verschweigen oder die Gewissheit ausblenden, wonach die Menschen nach frohen Minuten greifen, die ihnen entfliehen. In den von Pfeiffer und Krämer erfundenen Tag des Robert Walser vor dem Verstummen gehören überdies weniger ernsthafte bis unverhohlen selbstironische Anmerkungen zum Radiohören und zu der bloss «unnützen Kopfverbrauch» mit sich bringenden Zeitungslektüre sowie in Sachen «Leibessen», worunter mit Käseduft durchtränkte Makkaroni zu verstehen sind.

Ausgehend von dem mit Walser dingfest gemachten «Summen, Brummen, Sausen, Brausen des Tages» (und darüber hinausragender Taten), bringt Stephan Heilmanns Inszenierung leichthändig den Kosmos des gemäss Walter Benjamin scheinbar verspieltesten aller Dichter zum Klingen (Technik: Jack Jakob). Unter kundiger Regie entfaltet Krämer mit einem einfallsreich genutzten Instrumentarium (präpariertes Klavier, Alphorn, Büchel) jene Bandbreite an Geräuschen, Tönen und Tonalitäten, die auch seine differenziert schattierten Sprechhaltungen der Gestimmtheit Walsers zueignen.

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