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DIE WELT (7. Mai 2003)

Café Krematorium Berlin

Schwatzen, Schluchzen, Singen

Berliner Kritiken von Reinhard Wengierek

"Ein Tempel der Duldung und der Freiheit" nennt der der Städtische Heiztechniker H. Renninger nicht ohne Stolz und Ehrfurcht seinen Arbeitgeber: das Zürcher Krematorium. Nebenan betreibt Alleinunterhalter Andreas Krämer sein "Café Krematorium", eine urige Plauderstube für Hinterbliebene. Und der Herr Renninger gehört zu jenen acht Personen, die uns der Herr Krämer in kleinen, weise zusammengeschnippelten Monologen überraschend nahe bringt: Es sind da die just verstorbene Lilian Loosli, die einst ihre Familie verließ und ins Exil ging in ihren Garten mit der Laube. Ihr trauernder Lebensfreund Gigi; dann die beiden Tanten Hanni & Fridi, das späte Mädchen Claudia, Looslis Tochter. Oder der verbitterte Junggeselle Rolf, oder eben Heiztechniker Renninger, der uns aufklärt, die Leichen würden beim Kremieren nicht "gebraten wie a Würschtl". Vielmehr sei es, nach einem Verfahren der Firma Siemens, heiße Luft, welche den Inhalt für die Urne produziere.

Das pittoreske Personen-Panorama aus dem Kreis Nr. 5 der Stadt Zürich fußt auf dem Büchlein "So zogen die Jahre dahin"; Lebenserzählungen  von Bewohnern besagten Kleine-Leute-Viertels. Der vertrackt hintergründige Humorist Krämer machte daraus in einer Koproduktion des Zürcher Schauspielhauses mit der Zürcher Off-Bühne "sogar theater" eine so feinsinnig-melancholische wie hinterwäldlerisch-grantelnde Revue (Regie: Boris Pfeiffer) über zwar unauffällige, doch ziemlich eigensinnige Menschen. Eine zärtliche Stunde voller grotesker, aberwitziger und eben auch unheimlicher und tragischer Momente. Durchwirkt mit leise traurigen, bitteren oder sarkastisch grinsenden Liedern zu Akkordeon, Gitarre, Klavier.

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