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DER BUND

«Glanzvolles «Theater von unten»
BÜHNE / Im Zürcher Schiffbau brachte Andreas Krämer, Ensemble-Mitglied des Schauspielhauses, die literarisch-musikalische Collage «Café Krematorium» zur Uraufführung.

VON CHARLES LINSMAYER

Wenn ein Theaterstück «Café Krematorium» heisst und die Textgrundlage ein amateurhaftes Erinnerungsbuch ist, in dem Senioren aus dem Zürcher Stadtkreis 5 unter dem Titel «So zogen die Jahre dahin» ihr Leben darstellen, reicht selbst das Faszinosum Schiffbau nicht aus, um mehr als drei Dutzend Unentwegte in den bunkerartig-nüchternen Raum der Probebühne 4 zu locken.
Aber «Café Krematorium», in Szene gesetzt von Boris Pfeiffer und im Alleingang realisiert von Andreas Krämer, Ensemble-Mitglied des Schauspielhauses Zürich, ist mit Sicherheit etwas vom Pfiffigsten und Anrührendsten, was in den letzten Jahren in der Schweiz an Einmann-Shows und Monotheater zu sehen war. Mit umwerfendem pantomimischem Können, als Sänger von stupender Variabilität, als Pianist, Gitarrist und Handorgelspieler von Temperament und Begabung, als Stimm- und Wortkünstler von seltenem Talent und als Satiriker von abgründiger Perfidie haucht Krämer, blitzschnell von Figur zu Figur wechselnd, einer Gruppe von Menschen, die alle irgendwie mit einer jüngst verstorbenen Frau namens Lilian Loosli in Beziehung stehen, sprühend-vitales, unmittelbar plausibles Leben ein. Ohne einen Schimmer von Zynismus, aber mit sensiblem Einfühlungsvermögen und heiterem, niemals plumpem Humor.

Im Schatten des Todes
Nach einem fulminanten musikalischen Einstieg mit dem schrägen Chanson «Ich bin ein kleines Zimmer» preist Krämer vom Klavier herab als städtischer Heiztechniker mit hintergründiger Emphase und makaberem Pathos die Vorzüge der Feuerbestattung an und stellt so den ganzen, siebzig Minuten dauernden Abend unter das Zeichen einer sanft ironisierten Fatalität und Morbidität. Nicht Larmoyanz und Betrüblichkeit dominieren dann aber: was einem da präsentiert wird, ist ein fröhlich-satirisches Fest des Lebens im Schatten des Todes. Besondere Highlights sind dabei die Auftritte der poetischen Hobbygärtnerin Esthi und der bigotten Zwillingsschwestern Hanni und Fridi, das Coming-out von Lilians Lebenspartner Gigi, der plötzlich das Lied vom «Tschitschi von Arosa» losschmettert, und die Beichte von Lilians Exmann Felix, der vom Leben eines alleinstehenden SBB-Beamten mit drei Kindern schwadroniert und dabei am Klavier auf umwerfende Weise «Es ist ein Schnitter, der heisst Tod» intoniert. Hinreissend dann aber auch der «unsichere Kantonist» Rolf, der zornentbrannt mit dem «Gott da oben» hadert, am Ende unversehens in eine baseldeutsche Variante von Burkhards «Mis Dach isch de Himmel vo Züri» verfällt und handorgelspielend abzieht, nachdem zuvor wie in einem Sampler nochmals kurz alle Figuren wieder auferstanden sind. All das funktioniert mit ein paar wenigen Requisiten, zwei drei Hüten, zwei Mänteln und einer Brille, und wenn z.B. Lilians Tochter Claudia auftritt, genügt eine farbige Halskette, um aus dem Schauspieler mit den feurigen, stechenden Augen und dem eigenwilligen Charakterkopf auf Anhieb eine zickige junge Göre zu machen. Wenn es je gelungen ist, «Theater von unten» zu schaffen, d.h. irgendwelche zufälligen Menschen aus dem Quartier, von der Strasse oder aus dem Altersheim auf die Bühne zu zaubern, ihnen mittels Humor, Satire und Schauspielkunst eine Seele und eine Physiognomie zu geben und so aus der Banalität und Trivialität ihres Alltags und ihres Schicksals etwas berührend Menschliches, ja Allgemeingültiges herauszufiltern - dann in dieser virtuos komponierten und brillant umgesetzten szenisch-musikalischen Collage, die am Ende vom Publikum frenetisch gefeiert wurde.

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