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Ein Tag mit dem Kafka der Schweiz

Gastspiel der Robert-Walser-Performance „Für die Katz“ in der „Insel" - Staatstheater Karlsruhe / Mai 05

von Michael Stolle


Herisau ist das Wiesloch der Schweiz. Dort verbrachte Robert Walser, der Kafka der Schweiz, seine letzten gut 25 Lebensjahre: zwischen 1929 und 1956. Dabei war er kein Verrückter, eher ein Verschrobener. Ein Verlorener. Einer, der wusste, dass er sich verlieren musste, um sich zu finden. Nun stelle man sich einmal vor, das stimmte, was ein Kritiker über die Robert Walser-Performance „Für die Katz“ sagte (die nun auch in der Karlsruher „Insel“ gastiert): Es sei so, als ob Robert Walser von Herisau noch einmal heruntergestiegen komme. Müssen wir daraus nicht schlussfolgern, dass Walser sich heute auch hier therapieren könnte? Dass er sich verlieren könnte in den Erinnerungen an damals, als er tatsächlich in Herisau saß, heute auf den Tag genau vor 60 Jahren? Oder sind wir, Gefangene des Gedenkens, nicht längst die Kranken, die hinauf oder hinabsteigen müssten zu den Wieslochs und Herisaus dieser Welt, um mit Walser das frühe 20. Jahrhundert zu verstehen und mit seiner, wie Walter Benjamin schrieb, „bannenden Sprachverwilderung“ unsere Wahrnehmungs- und Deutungsmuster einmal kräftig durcheinander wirbeln zu lassen? – Genug des Erinnerns, Gedenkens und Verflechtens, sagen wir doch einfach, dass es sich lohnt diesen für die Bühne erfundenen Tag im „Leben des Schriftstellers Robert Walser“ anzusehen. Und hören wir auf bei jeder Gelegenheit vom Kriegsende zu sprechen.

Andreas Krämer, der zurzeit auch im Karlsruher „Tell“ zu sehen ist, schlüpft in die Prosa von Walser, die ihm sein Regisseur Boris Pfeiffer zusammengestellt hat und bringt sie zum Schwingen, Klingen, Brummen und Sausen. Das literarisch–musikalische Kabinettstück, vom Züricher „sogar theater“ produziert, ist ein multimediales Vergnügen, wenn Krämer zu unterschiedlichsten Mitteln und Instrumenten greift, um Walser hörbar zu machen. Die Bühne wird beherrscht von einem Klavier, dem die Brust geöffnet scheint und das von einem Korsett aus Eisenstangen gerahmt wird. Hier spielt Krämer den Geigenbogen, reibt schräge Töne aus dem Material und kontrastiert es mit allerlei Klängen, die er aus einem Alphorn hervorzukitzeln weiß. Er belässt es nie bei der bloßen Aufführung, er spielt keine Musik. Er seziert Klänge und Töne. Er mischt diese dann mit der intensiven und verknappten Sprache Walsers, die immer auch Weltsicht verschafft, die immer Bezug schafft zur Umwelt, obwohl sie, wie Walser schreibt und wie der Titel des Arrangements zitiert, doch die „für die Katz“ und damit für den beiläufigen Tagesgebrauch sei. Von wegen, es ist ein wahnwitziges Potpourri, das da erklingt.

„Für die Katz“ ist ein Werk, das auch als Hörcollage funktionierte und so auch wirkt, wenn man zwischendurch versuchsweise die Augen schließt. Öffnet man sie wieder, sieht man um so klarer, wie Walsers Prosa funktioniert. Es ist dieses kleinteilig Zusammengebastelte, das unruhige Sezierende, das kontrollierte Sichgehenlassen, das Andreas Krämer so trefflich verkörpert und auf so vielfältige Weise zum Klingen bringt. Zuerst in Herisau, dann Zürich, schließlich landauf, landab und jetzt in Karlsruhe. Die zweite Aufführung ist am 28. Mai um 20 Uhr ebenfalls in der „Insel“ zu sehen.

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