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DER BUND, 24.10.2003, Ausgabe-Nr. 248, Ressort Kultur

Seines eigenen Glückes Schmied

Der Schauspieler Andreas Krämer tanzt auf tausend Hochzeiten ohne dabei aus dem Takt zu fallen. Porträt eines geradlinigen Künstlers mit vielen Seiten.

Von Charlotte Staehelin

Es hätte auch alles ganz anders kommen können. "Ich hatte schon den
Taxischein in der Tasche, da gab es diesen ominösen Anruf aus Ham-burg.
Und ich dachte, komm, leckt mich doch am Arsch, bei Zadek spreche ich
auch noch vor." Aus dem dreiminütigen Vorsprechen wurde ein fünfjähriges Engagement am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und Andreas Krämer, der ursprünglich gar nicht Schauspieler sondern Regisseur werden wollte, und dem etablierten Theaterbetrieb mit kritischer Distanz gegenüberstand, fand sich vor siebzehn Jahren kurz nach seiner
Ausbildung in Zürich unvermittelt im Herzen der deutschsprachigen
Theaterszene wieder.
Erzählt der 40-jährige Schauspieler von seinem beruflichen Werdegang,
ist viel von Glück und Zufall die Rede. Ein Teil davon mag typisch
baslerisches Understatement sein. Krämer ist in Riehen aufgewachsen,
spricht ein gepflegtes Baseldeutsch und kokettiert charmant mit
(Selbst)ironie und Untertreibung. Gleichzeitig gehört Krämer jedoch auch
zu der Sorte Mensch, die, was nicht selbstverständlich ist, Zufälle und
Glück auch zu sehen, zu schätzen und zu packen wissen. Der Künstler
bastelt nicht verbissen an fernen Karrierezielen, sondern konzentriert
sich unvoreingenommen, auf das, was gerade kommt. Damit hat er es weit gebracht. Neben Engagements an festen Theaterhäusern in Ham-burg, Wuppertal, Mannheim und Zürich hat er eigene Projekte realisiert. Wie vor zwei Jahren etwa in Koproduktion mit Peter Brunner vom Zürcher sogar theater das "Café Krematorium", eine erfolgreiche Gesellschaftsstudie aus dem Kreis 5. Er hat Theatermusik geschrieben, in zahlreichen Hörspielen und Filmen mitgewirkt, mit Felix Schneider die CD "Cingria" produziert und als Geri in der Fernsehsoap "Lüthi & Blanc" sein Unwesen getrieben.

Auf freier Wildbahn
Inmitten des ganzen schnellebigen (Bühnen)trubels hat sich der Künstler
Ernsthaftigkeit, Fairness und Ehrlichkeit bewahren können.
Versprechungen hält er ein. So war er nicht bereit, seinen Vertrag in
Mannheim vorzeitig aufzulösen, als er in den Neuzigerjahren von Gerd Leo Kuck ein Angebot ans Zürcher Schauspielhaus bekam. Auch will er sich zu seiner Zeit am Schauspielhaus unter der Intendanz von Chri-stoph Marthaler öffentlich nicht äussern. Das sei seine persönliche be-rufliche Situation, damit müsse er alleine fertig werden. Fakt ist, dass Krämers Vertrag nach drei Jahren nicht verlängert wurde. Was für den
Schauspieler, der sich selber als "Ensembletier" bezeichnet, nicht
einfach zu verarbeiten gewesen sein dürfte. "Das war ein so genannt
sauberer Schnitt und ein Schnitt tut immer weh", so sein kurzer,
zurückhaltender Kommentar.
Vorerst geht es für Krämer auf der Wildbahn der freien Theaterszene
weiter. Gemeinsam mit dem Berliner Regisseur Boris Pfeiffer, einem
langjährigen Freund und erprobten Arbeitspartner von Krämer, entsteht am sogar theater ein Abend zu Robert Walser (1878-1956). "Für die Katz" ist keine brave szenische Lesung, kein biografisches Lehrstück, sondern ein Konglomerat aus Musik, Klang und szenischen Elementen, das Walsers Schreiben und abruptes Verstummen thematisiert. Krämers Vielfältigkeit kommt an diesem Abend bestens zur Geltung. Der Schauspieler hat eigens für diese Produktion Alphorn und Büchel spielen gelernt. Er hat wundervolle Klangobjekte geschaffen, vibrierende "Flügelchen" an sein Klavier montieren lassen und eine Ballonpumpmaschine zur "Pusttröte" umfunktioniert. Die Walserfigur mit ihrer hintergründigen Komik, Angst und Trauer liegt Krämer am Herzen, der, wie er mit blitzenden blauen Augen sagt, Helden- und Liebhaberrollen hasst.

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