zurück

DEUTSCHLAND RADIO, KULTUR HEUTE, 23.10.2003

"Für die Katz. Ein erfundener Tag im Leben Robert Walsers"
Premiere am SOGAR-Theater in Zürich

Charles Linsmayer

"Für die Katz" - ein Theaterstück über den Alltag Robert Walsers. (Foto: BASF)"Für die Katz. Ein erfundener Tag im Leben des Schriftstellers Robert Walser" heißt das Arrangement, das derzeit im SOGAR-Theater in Zürich gezeigt wird. Dort wird nicht nur gespielt, sondern auch gekocht.

Was wie ein freches Berliner Chanson tönt, ist eine Kostprobe aus dem Programm, mit dem Andreas Krämer Texten von Robert Walser zu fun-kelnder Theaterpräsenz verhilft. Es sind Passagen aus Walsers Ge-samtwerk, vorzugsweise aus dem jüngst entzifferten "Bleistiftgebiet", die Krämer, bis nach Berlin bekannt geworden mit seinem traurig-absurden Stück "Café Krematorium", unter der Regie von Boris Pfeiffer zu einer Wort-Ton-Collage zusammengestellt hat. "Für die Katz. Ein erfundener Tag im Leben des Schriftstellers Robert Walser" heißt das Arrangement, und wenn Andreas Krämer mit seinen Bergschuhen zögerlich-umständlich auf die von allerlei Musikinstrumenten verstellte Bühne tritt, glaubt man einen Augenblick, Walser selbst sei aus Herisau eine Stunde nach Zürich herabgekommen, um einem ausgewählten Publikum aus seinem Alltag zu erzählen. Denn eines ist sicher: das kaum 50 Plätze umfassende Etablissement mit dem kurios-irritierenden Namen "sogar-theater", wo nicht nur gespielt, sondern auch gekocht wird, hätte Walser gefallen. Aus was besteht er nun also, so ein erfundener Tag im Leben von Robert Walser?

Vom Essen einmal abgesehen (das "Leibessen" sind Maccaroni, "aber sie müssen ganz mit Käseduft durchtränkt sein") aus einem niemals ab-reißenden Selbstgespräch über Gott und die Welt und aus dem, was er Arbeiten für die Katz nennt. Was heißen will: Schreiben für den Tages-gebrauch, für die Zeitung, die nicht Ewigkeitswerte, sondern bloß pünkt-liche Ablieferung verlangt. Aber "die Katz" ist für Walser sehr viel mehr, ist "der Betrieb selbst", "die Zeit selbst", ja der ganze ziellose Leerlauf menschlicher Tätigkeit überhaupt. Obwohl er sein Selbstgespräch einmal als den "nicht ganz uninteressanten Versuch, mit etwas Nichtssagendem irgend etwas zu sagen", denunziert, bringt es einem dennoch auf versteckt-hintergründige Weise vieles zu Bewusstsein, was hinter die Oberfläche der Worte auf seine eigene Person deutet: Wenn er arglos von den "lieben Kläpfen", also Schlägen, spricht, die er sich von Frieda Marmet wünscht, wenn die Farbe Grün für ihn statt Optimismus und Vitalität "Einsamkeit und Planeten-Verlorenheit" ausdrückt oder wenn er die Impotenz zur höchsten Stufe des Liebesglücks stilisiert.

Und Krämer setzt Walsers Texte auf unverwechselbar eigenwillige Wei-se um. Was er nur schon mit seinen stechenden dunklen Augen zu sa-gen vermag, wie er Details auf zwingende Weise in Körpersprache um-setzt und wie er die scheinbare Chaotik mancher Gedankenfolgen mit deklamatorischen Mitteln vollkommen plausibel macht. Nicht zu reden von der Musikkulisse, die Walsers Texten eine sinnlich-unmittelbare Di-mension verleiht. Wobei das Spektrum von einem Klavier, das immer nur ein paar Takte, aber nie ein wirkliches Stück hervorbringt über die verschiedensten, mit dem Geigenbogen zu bearbeitenden Holz- und Eisenstäbe bis zu zwei Sorten von Alphörnern geht, die allerdings kaum je so tönen, wie der Tourist es von den Schweizer Bergen her gewohnt ist.

In seinem absurd-komischen Rollenspiel erinnert einen das Multitalent Andreas Krämer irgendwie an den jungen Emil Steinberger. Aber auf ei-ner ganz anderen, sehr viel ernsthafteren Ebene, wo die Karikatur des Schweizerischen nicht einfach ein Lacherfolg, sondern die Exemplifizie-rung des Grotesken anhand eines ganz bestimmten, authentisch verifi-zierbaren Menschentyps ist.

zurück