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Wortspiele aus dem Bleistiftgebiet

Schauspieler Andreas Krämer gastiert mit seiner witzigen Performance "Für die Katz. Ein erfundener Tag im Leben des Schriftstellers Robert Walser" im Beueler Lampenlager
Von Elisabeth Einecke-Klövekorn

Beuel. Von einer "zumindest scheinbar, völlig absichtslosen und dennoch anziehenden und bannenden Sprachverwilderung. Von einem Sichgehenlassen dazu, das alle Formen von der Grazie bis zur Bitternis aufweist" schrieb Walter Benjamin 1929 über Robert Walser, im selben Jahr also, in dem der Schweizer Dichter sich endgültig aus der "normalen" Welt verabschiedete, um den Rest seines 78 Jahre währenden Lebens - immerhin noch 27 Jahre bis zu seinem merkwürdigen Tod im Schnee Weihnachten 1956 - in psychiatrischen Anstalten zu verbringen.
"Seltsamkeitsstil" nannte Robert Walser selbst seine Schreibform. Ihre musikalische Struktur haben viele wissenschaftliche Interpreten hervorgehoben. Genau darauf setzt Andreas Krämers witzige Performance "Für die Katz. Ein erfundener Tag im Leben des Schriftstellers Robert Walser", mit der er jetzt im Lampenlager (auf dem Gelände der Halle Beuel) des Theaters Bonn gastierte.
Der Schweizer Schauspieler und Musiker, der unter anderem am Schauspielhaus Hamburg, in Wuppertal, Basel und Zürich engagiert war und zur Zeit in der Halle Beuel als Kardiologe Dirk Gerritsen in Karst Woudstras "Würgeengel" zu sehen ist, hat zusammen mit dem Regisseur Boris Pfeiffer für das freie Zürcher "sogar theater" einen Monolog aus Walser-Texten (nachlesbar im informativen Programmheft) zusammengestellt.
Es sind Bruchstücke aus dem "Bleistiftgebiet", diesen 1924/25 in fast wie eine Geheimschrift wirkenden winzigsten Lettern verfassten "Mikrogrammen", Sätzen aus den bekannten Romanen wie "Geschwister Tanner" und "Jakob von Gunten", Notizen aus den Feuilletons, Briefen und Beobachtungen vom Rand der zufälligen Wahrnehmung. Krämer macht daraus nachdenklich komische Wortspiele, horcht in die Metaphern hinein und bringt ihre Absurditäten zum Leuchten und Klingen.
"Ich schreibe in stiller Mitternacht, und ich schreibe für die Katz, will sagen für den Tagesgebrauch. Die Katz ist eine Fabrik oder Industrieetablissement, für das die Schriftsteller täglich, ja vielleicht sogar stündlich treulich und emsig arbeiten oder abliefern."
Walser war ein bekennender Katzenfreund, und eine schwarze Plüschkatze steht auch auf dem Klavier, das seine Eingeweide preisgibt und an beiden Seiten seltsame Flügel aus Holz- und Metallstäben trägt, die mit einem Kontrabassbogen zu schrägen Tönen gereizt werden.
Ein Blaseblag lässt die Klaviersaiten windig erbeben, ein Alphorn wird auseinandergeschraubt und mit verschiedenen Mundstücken bedient, ein verbogener Löffel wird zur Augenklappe und mit einer Gabel zum Rhythmusinstrument. Ein kleines Schaukelpferd steht fürs Kindliche, die Uhr im Hintergrund läuft ohnehin rückwärts.
Krämer bewegt sich auf seinen klobigen Bergschuhen mit merkwürdig paradoxer Leichtigkeit durch die skurrile Installation wie einer, der längst aus der Zeit gefallen ist. Grazie und Bitternis im alltäglich Banalen werden bei seiner Wanderung durch Walsers Kopf zu einem einzigen großen dramatischen Aphorismus.
"Er nicht als er" hieß Elfriede Jelineks 1998 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführte österreichische Theater-Hommage an Robert Walser. Er durchaus als er, aber als sich selbst fremd gewordenes, zerbrechliches Ich zeigt diese hinreißend spielerische schweizerische Annäherung.
Das unbedingt empfehlenswerte literarisch-musikalische Kabinettstück steht am 19. November um 20 Uhr noch einmal im Lampenlager auf dem Gelände der Halle Beuel auf dem Programm.

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