zurück

NZZ 24. 20.03

Die Walsermaschine
Robert Walser macht sich mausig – gar nicht «Für die Katz»

Seine dachstubige Verlassenheit teilt er mit einem Klavier, dem er die Brust geöffnet hat. Bis ins Innerste des Klangkörpers horchen will er, und eigene Töne finden, seine Antwort auf die Meisterwerke der Kunst oder die Taten, die über das Summen, Brummen, Sausen, Brausen des Tages hinausragen. «Summen Brummen Sausen Brausen», wiederholt der Dachstubenhocker und freut sich diebisch, dass er just eine kleine Sprachmelodie ertappt hat. Das Gesicht von Andreas Krämer beleuchtet ein Winzigkeits-Strahlen, das am westlichen Ohr auf und am östlichen sogleich untergeht. Auch Robert Walser geht am Ende dieses Abends. In die Psychiatrische Klinik Waldau? Und alles, alles Dichten wäre umsonst gewesen? «Für die Katz» heisst der in Worten und Tönen leichtfüssig hüpfende Abend im Sogar-Theater, den zwei Feinarbeiter der Bühne, Andreas Krämer (Schauspiel, Musik) und Boris Pfeiffer (Textauswahl, Regie) dem Kleinarbeiter der Sprache – und des guten Tones –, Robert Walser, zugeeignet haben. Walsers Katzenliebe hin, das gleichnamige Prosastück her, das ihm für die Katz, will sagen für den Tagesgebrauch entstehen zu wollen schien: Bei Pfeiffer steht das Tier schwarzstofflich auf dem Klavier. «Katz ist für mich nicht nur das, was für den Betrieb taugt, was für die Zivilisationsmaschinerie irgend-welchen Wert hat, sondern sie ist der Betrieb selber», grübelt ketzerisch der Dichter. Um im nächsten Moment von seinen Gedanken auf Kieler Sprotten geführt zu werden, Würste, Bockwürste, Bierwürste, Wienerwürste...
An diesem «erfundenen Tag im Leben des Schriftstellers Robert Wal-ser»(er)findet sich eine Figur aus ihren Texten zwischen Liebessehn-sucht und Lästerzunge, Triebverzicht und Todesahnung, Bratkartoffeln und Bürgerlichkeit. Krämers extravertierte Introvertiertheit und Pfeiffers zielgerichteter Gestus in der Suche nach dem verstummenden Walser sind von berührendem Gewinn für einen Versuch, der eigentlich auf der Hand liegt: verstreute Textfragmente aus den Berner Jahren (1907 bis 1933) zu einem Bühnentext zusammenzufassen. Walsers erste berufli-che Ambition war es, Schauspieler zu werden, theatralische Elemente spielen in allen seinen Texten, insbesondere den Mikrogrammen, eine wichtige Rolle. Pfeiffer und Krämer errichten aus diesen Qualitäten ein eigenes Walser-Weltreich – nicht nur, aber auch, weil das ihre (Krämers) Stärken sind. Und so ist dem Dichter alles Ton – korrekter Ton, weil's sein soll, Störgeräusch, weil's sein muss: die Tasten des Klaviers, die eine Schreibmaschine sein kann, das Alphorn, der Büchl – und die Blasbalg-Melodica, mit Walsers ureigenstem Klang. Unliebliches Aufbegehren, aufmüpfige Deklamation. Und gar nicht so leise, wie wir uns den dichtenden Tonabnehmer zu denken beliebten. – Hat Walser für die Katz gedichtet? Nein, für die Zukunft. Auf dass man eine Rätselmelodie in immer neue Töne setzt.

Daniele Muscionico
Zürich, Sogar-Theater (Josefstrasse 106), bis 8. November.

zurück