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DER BUND, 24.10.2003, Ausgabe-Nr. 248, Ressort Kultur

Nachdenken mit Robert Walser
Im Zürcher Sogar-Theater spielt Andreas Krämer «Für die Katz» nach Texten von Robert Walser

CHARLES LINSMAYER


Es sind kürzere und längere Passagen aus Walsers Gesamtwerk, die Andreas Krämer unter der Regie von Boris Pfeiffer zu einer Wort-Ton-Collage zusammenfügt. Nicht nach dem bunten Perlenspiel des Zufalls, sondern nach einem Prinzip, das Walser als Figur ins Zentrum stellt, seinen Sätzen aber gleichwohl eine nach allen Seiten offene Assoziationsfähigkeit lässt.

«Für die Katz. Ein erfundener Tag im Leben des Schriftstellers Robert Walser» heisst das Arrangement, und wenn Andreas Krämer mit seinen Bergschuhen umständlich auf die von Musikinstrumenten verstellte Bühne tritt, glaubt man für einen Augenblick, Walser selbst sei aus Herisau eine Stunde nach Zürich herabgekommen, um einem ausgewählten Publikum von seinem Alltag zu erzählen. Der, abgesehen von biologischen Notwendigkeiten wie dem Essen das «Leibessen» sind Maccaroni, «aber sie müssen ganz mit Käseduft durchtränkt sein» , aus einem niemals abreissenden Selbstgespräch über Gott und die Welt besteht. Und aus dem, was er «Arbeiten für die Katz» nennt. Will sagen: Schreiben für den Tagesgebrauch, für die Zeitung, die nicht Ewigkeitswerte, sondern bloss pünktliche Ablieferung verlangt. Aber die Katz ist für Walser noch viel mehr, ist der «Betrieb», die «Zeit selbst», ja der ganze Leerlauf menschlicher Tätigkeit überhaupt: «Oft wird die Katz missverstanden, man rümpft die Nase über sie: ,Es ist für die Katz, als wären nicht alle Menschen von jeher für sie tätig gewesen.»

Obwohl er sein Selbstgespräch einmal als den «nicht ganz uninteres-santen Versuch, mit etwas Nichtssagendem irgendetwas zu sagen», de-nunziert, bringt es einem dennoch auf versteckt-hintergründige Weise vieles zu Bewusstsein, was hinter die Oberfläche der Worte auf Walsers Person deutet: Wenn er arglos von den «lieben Kläpfen» redet, die er sich von Frau Marmet wünscht, wenn die Farbe Grün für ihn statt Vitalität «Einsamkeit und Planeten-Verlorenheit» ausdrückt oder wenn er die Impotenz zur höchsten Stufe des Liebesglücks stilisiert.

Eigenwillige Umsetzung

Krämer setzt Walsers Texte auf eine unverwechselbar eigenwillige Wei-se um. Was er nur schon mit seinen stechenden dunklen Augen zu sa-gen vermag, wie er Details auf zwingende Weise in Körpersprache um-setzt. Nicht zu reden von der Musikkulisse, die den Texten eine sinnlich-unmittelbare Dimension vermittelt, sie aber auch in ihrer lautmalerischen Qualität einsehbar macht. Dabei geht das Klangspektrum von einem Klavier, das immer nur ein paar Takte, aber nie ein wirkliches Stück hervorbringt, über die verschiedensten, mit dem Geigenbogen zu bearbeitenden Holz- und Eisenstäbe bis zu zwei Sorten Alphörner, die allerdings nur ein einziges Mal, und dann unter dem Gelächter des Publikums, «normal» tönen.

In seinem absurd-komischen Rollenspiel erinnert einen das Multitalent Andreas Krämer irgendwie an den jungen Emil Steinberger. Aber auf ei-ner ganz anderen, sehr viel ernsthafteren Ebene, wo die Karikatur des Schweizerischen nicht einfach ein Lacherfolg, sondern die Exemplifizie-rung des Grotesken anhand eines ganz bestimmten, authentisch verifi-zierbaren Menschentyps ist.


Weitere Aufführungen: bis 8. November, jeweils 20.30 Uhr, im Sogar-Theater, Josefstrasse 106, Zürich. http://www.sogar.ch.

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