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BAZ

Café Krematorium» im Unternehmen Mitte

Leben um die Toten

Er hockt auf dem Klavier und prahlt mit der neuen Technik einer
reinigenden Glut und dem, was da hinausdriftet in die freie Atmosphäre.
Man ist plötzlich ganz unangenehm an das erinnert, was die Nazis in den
Konzentrationslagern praktizierten. Doch nein, es ist ganz anders, viel
harmloser: Der Schauspieler Andreas Krämer und sein Regisseur Boris
Pfeiffer haben uns mit der Rahmenhandlung - der Text stammt aus einem
Band über die Entstehung des Zürcher Krematoriums aus dem Jahr 1915 -
einfach einmal gehörig durchschütteln wollen. Die Geschichte selbst ist
dann ganz alltäglich: Lilian Loosli, eine starke und eine schöne Frau,
ist tot, eingeschlafen während der Seniorenreise ihrer Kirchgemeinde. Was
übrig bleibt, ist, neben der so unpersönlichen Urne, ein fahles Bildnis
von ihr und ein paar verlorene Menschenseelen.

Da ist zum Beispiel der eigentlich ganz bodenständige «Gigi vo Arosa»,
den Krämer gleich noch das Lied dazu trällern lässt: Hat Lilian über eine
Kontaktanzeige kennen gelernt, ist ihr erlegen und fragt sich heute,
warum man eigentlich vom Himmlischen in Ewigkeit singt. Da ist der
verknorzte Verlierer, Felix Loosli, den Lilian für ihre persönliche
Freiheit verlassen hat und der sein wiederholtes «Ja, das war eine grosse
und tragische Herausforderung» dergestalt auf die Klaviertasten
niederrasseln lässt, dass einem im Safe des Unternehmens Mitte, wo die
Aufführung stattfindet, nochmals enger wird. Und da ist der
bemitleidenswerte Rolf, ein heimatloser Junkie, dem beim Handorgelspielen
die Welt über dem Kopf zusammenstürzt und der sich erst mit Gott im
Himmel versöhnt, als dieser Lilian mit ihm teilen will.

Das Ein-Mann-Stück «Café Krematorium» mit dem Basler Andreas Krämer in
allen Rollen ist eine Koproduktion des Zürcher Schauspielhauses und des
Sogar-Theaters im Stadtkreis 5. Im Kreis 5, heute bekannt als das
boomende Industriequartier «Zürich West», entstand auf Initiative einer
Kirchgemeinde ein Buch mit Lebensgeschichten von Quartierbewohnern. Es
dient Pfeiffer/Krämer als Vorlage für einen thematischen Abend über den
Umgang mit dem Tod eines Menschen durch uns Zurückgebliebene. Ja, wenn
wir verlassen werden, merken wir doch erst richtig, was uns alles schon
im Leben weggenommen wurde: dem Gigi sein Bündnerland, dem Felix seine
erste Frau (die zweite hilft da auch nicht) und dem Rolf seine ganze
Zukunft. Andreas Krämer beherrscht zweifellos das Spiel auf der Bühne und
den Instrumenten und nähme er sich manchmal ein ganz klein wenig zurück,
würde die Allgegenwart des Todes im Leben noch näher rücken. Anna Wegelin

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